Die Mauern des Fort IX verbergen nicht nur die schrecklichen Verbrechen der Sowjets, sondern auch die der Nazis, die schwer zu beschreiben sind. Es scheint, dass die begangenen Gräueltaten und das intensiv betriebene Gefängnis die Besucher dieser historisch wichtigen Gedenkstätte auch heute noch begleiten.

Beschreibung

Die Kaunasser Festung ist ein System von Verteidigungsbefestigungen, die 1882–1915 in der Stadt Kaunas und in deren Umgebung zur Verteidigung der Westgrenze des Russischen Reiches errichtet wurden.

Kaunas war ein strategisch wichtiger Ort: die Eisenbahnstrecken St. Petersburg – Warschau und St. Peterburg – Königsberg durchquerten die Stadt, über den Fluss Nemunas (Memel) wurde eine Brücke gebaut und ein Eisenbahntunnel wurde errichtet. Wichtigsten Strecken führten hier zusammen. Darüber hinaus war es strategisch sinnvoll, am Zusammenfluss zweier großer Flüsse eine Festung zu errichten und damit die natürliche Beschaffenheit des Geländes zum Vorteil zu nutzen, falls es zu einem Überfall käme. Dem Angreifer wäre es hier kaum möglich eine Zerstreuung der Streitkräfte zu vermeiden.

Mit der Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und Deutschland in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts wurde in Betracht gezogen, eine erstklassige Festung in Kaunas zu errichten. Die endgültige Entscheidung wurde im Jahre 1879 nach dem Russisch – Türkischen Krieg getroffen.

Im Jahre 1903 begannen die Bauarbeiten des Forts IX am Vorwerk Kumpė nach dem neusten Entwurf des Professors K. Velička von 1897. Die neu gebaute Festung war viel kleiner, verfügte über eine einzige Infanterieposition. Für seinen Bau wurde Beton eingesetzt, die Festung wurde mit Strom und einer Kanalisation ausgestattet.

Das Fort ist fünfeckig, alle Kasematten sind aus Beton, die Fassade der Kasernen aus Ziegeln. Nach der Bewertung der Kronstädter Tests wurden die Wände 1,5-2,1 Meter dick gebaut und es wurden gepanzerte Beobachtungsposten eingerichtet. 

Die Festung ist von einem Graben mit einer Contrescarpe umringt, in welcher ein Doppel- und zwei Einzelkoffer angelegt sind. Die Dammhöhe beträgt 6,9 Meter. In der Contrescarpe befinden sich Galerien, die die Koffer verbinden und über Ausgänge zum hinteren Teil verfügen. 

Die Galerien sind mit Abwehrkanälen ausgestattet. Die kürzeste Poterne ist rechts angelegt und hat keine Verbindung zu den Kasernen.

An der zentralen und der linken Poternen liegen die Schutzräume der Sturmabwehr-Artillerie und die Munitionslager. Hier wurde Munition für zwölf Sechs-Zoll-Kanonen und vier Sturmabwehrkanonen gelagert. Die Lager waren mit Munitionshebemechanismen und gepanzerten Beobachtungsposten ausgerüstet. Es gab noch einen zusätzlichen Schutzraum für Sturmschutzkanonen.

Das Fort verfügt über einen der Infanterie-Damm, denn schwere Artillerie war hier nicht vorgesehen. An den Ecken des Forts wurden Plätze und Bodenpositionen für Abwehrkanonen installiert. Die zweistöckige Kaserne wurde aus Beton errichtet, für die Fassade kamen Ziegel zu Einsatz. Das Bauwerk besteht aus vierzehn Kasematten für die Besatzung, einer Sanitäreinheit, einer Kraftwerkstation und Lagerräumlichkeiten. Die Kasematten im Erdgeschoß dienten als Offizierszimmer, Kanzlei, Krankenzimmer, Kantine, Küche mit Lagerraum und Kraftwerkraum. Die Kasematten im zweiten Stock waren für Soldaten bestimmt.

Die Seitenkasematten im zweiten Stock haben Ausgänge zu den Beobachtungsposten. In Seitenkasematten der Kasernen wurden vier Halbkaponnieren für die Kanonen platziert. Im Fort wurde nur eine Zwischenkaponniere gebaut, die schroffe Fassade der Kaserne und die Schießscharten im zweiten Stock ersetzten die linke Halbkaponniere. Daneben liegen das Munitionsdepot und eine Schützengalerie.

Der vom Kraftwerk der Festung erzeugte Strom wurde an alle Kasematten der Festung geliefert und zur Beleuchtung der Räumlichkeiten, zum Betrieb der Ventilatoren, zum Pumpen des Wassers aus den Brunnen sowie zur Beleuchtung der Gräben während der Nachtverteidigung verwendet. Die Bewaffnung bestand aus 28 leichten Kanonen, 14 Kaponniere-Kanonen (57 mm), 4 Kupfermörsern und vier Maxim-Maschinengewehren.

Das Fort wurde zwar 1913 erbaut, doch bereits1940 und nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen dort erschütternde Verbrechen gegen die Menschheit ihren Anfang.

Nachdem die Deutschen Kaunas besetzt hatten, wurde 1941 in der ehemaligen Festung mit einer Tätigkeit begonnen, die dem Fort den bedrohlichen Ruf einer Todesfestung verliehen haben. Innerhalb von knapp zwei Jahren kamen an diesem Ort nach inoffiziellen Angaben etwa 50.000 Menschen ums Leben. Zusammen mit Litauern wurden hierher auch Polen, Österreicher, Franzosen, Deutsche und Menschen aus der Sowjetunion vernichtet. Die Vernichtung der Menschen im Fort IX begann im Oktober 1941 und dauerte bis August 1944, als die Rote Armee der Sowjetunion Litauen besetzte. Besonders viele Tötungen gab es im Oktober 1941. Tausende Juden verloren hier ihr Leben: am 4. Oktober – 1845, am 29. Oktober – 9200. Es wurden nicht nur Männer erschossen, sondern auch Frauen, Kinder und Senioren.

Im Jahre 1943, als der Zweite Weltkrieg für Deutschland einen ungünstigen Verlauf nahm, begannen die Nazis mit der Vernichtung der Spuren der Massenmorde. Zu diesem Zweck wurde im Fort IX ein spezieller Geheimtrupp von Gefangenen gebildet, der ab November 1943 mit dem Ausgraben und Verbrennen der Opfer des Völkermords beschäftigt war. Aus Angst vor der bevorstehenden Rache haben die Gefangenen am 25. Dezember 1943 eine Flucht organisiert. Allen 64 Gefangenen gelang die Flucht, aber das Ende des Zweiten Weltkrieges haben nur 11 von ihnen erlebt. Sie wurden Zeugen, die der ganzen Welt von den Verbrechen der Nazis berichteten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die sowjetische Besatzung begann, wurde die Verwaltung der Festung an das Volkskommissariat für die innere Angelegenheiten des Innenministeriums der UdSSR (NKWD) übergeben. Das Fort wurde zu einer Transitstation, meist für politische Häftlinge. Hier wurden die Inhaftierten aus den Haftanstalten aus Kaunas und der Umgebung eingesammelt und kurzfristig einquartiert, bevor sie in die Lager des GULAG an weit entfernten Orten der Sowjetunion transportiert wurden.

Danach hat man die Festung eine Zeit lang zur Lagerung landwirtschaftlicher Güter gebraucht. Nach dem Beschluss des Ministerrates Sowjetlitauens vom 9. Juli 1958 wurde in der Festung ein Museum der Revolutionsgeschichte eingerichtet. Nicht mal ein Jahr später, am 30. Mai 1959, fand die feierliche Eröffnung des Museums statt: In vier Zellen der ehemaligen Festung wurde die erste Ausstellung über die in Litauen durch die Nationalsozialisten verübten Verbrechen der Öffentlichkeit vorgestellt. 1966–1970 fanden vier Projektausschreibungen statt. Letztendlich wurde der Entwurf von drei litauischen Künstlern ausgewählt: Alfonsas Vincentas Ambraziūnas, Gediminas Baravykas und Vytautas Vielius. Nach einer Bauzeit von dreizehn Jahren entstand an dem Ort der Massenmorde zur Erinnerung an die Opfer ein 32 m hohes Monument aus drei Betonskulpturen. Neben der Festung wurde auch ein neues modernes Museumsgebäude gebaut (heute befindet sich dort die Ausstellung über die Zeit der Besatzung) und eine Parkanlage mit Spazierwegen geschaffen. 

Am 15. Juni 1984 wurde der Öffentlichkeit der Gedenkkomplex des Museums des Forts IX vorgestellt. Es wurde zu einem der größten Denkmäler Europas.   

Nach Wiederherstellung der Unabhängigkeit Litauens im Jahr 1990 ergab sich eine Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung. Die Menschen begannen, öffentlich über Themen zu reden, die in den 50 Jahren der Sowjetokkupation nicht diskutiert werden durften. Im Museum des Fort IX begann man nicht nur von den Grausamkeiten von Nazis zu reden, sondern auch von denen der Sowjets. So wurde etwa an das 1940–1941 hier betriebene Gefängnis erinnert. 

Mit der Zeit entstanden im Museum neue Ausstellungen, die Besucher an alle historischen Etappen des Forts IX heranführt.