Der Gutshof Biržuvėnai ist ein wertvolles Beispiel eines Holzgutes aus dem 18.-19- Jh., das die natürliche Entwicklung der Güter dieser Art in der Zeit des Feudalismus darstellt. Auf solchen Gutshöfen galt die Leibeigenschaft in Form landwirtschaftlicher Arbeiten. Beim Gut Biržuvėnai sind alle für solche Gutshöfen typischen Elemente erhalten (repräsentative, wirtschaftliche, Produktions-und Wohnbereiche) und es ist ein gutes Beispiel der typischen Bauweise.

Beschreibung

Biržuvėnai ist eine kleine niederlitauische Siedlung, drei Kilometer von der Straße Telšiai–Luokė entfernt. Die Siedlung ist vom Grün des Waldes und den wunderschönen Tälern des Flusses Virvytė umgeben. Ihre Entstehung steht im Zusammenhang mit dem Burghügel Bambizkalnis, der auf das 9.-12. Jh. datiert wurde. Der Hügel befindet sich am rechten Ufer der Virvyčia, hat steile 5 m hohe Hänge, oben ein viereckiges Plateau. Es wird angenommen, dass in den Jahren der protestantischen Reformation am Burghügel eine calvinistische Kirche stand. Die Calvinisten wurden im Volksmund bambizai genannt, deswegen erhielt der Hügel den Namen Bambizkalnis. 

Biržuvėnai (Birsine) wurde erstmal 1253 von Bischof Heinrich von Kurland in einer Akte zur Teilung der südlichen Gebiete des Landes erwähnt. Ab dem 15. Jh. wurde hier ein großer Gutshof erbaut, der dem Herrscher gehörte und von den Einheimischen verwaltet wurde. Auf dem Gutshof wurde ein Produktionshaus gebaut, das die Kraft er Virvytė nutzte, um die Maschinen anzutreiben. Wegen der hohen Steuern kam es 1537 zu einem Aufstand der Bauern. Der Aufstand wurde bald zum Scheitern gebracht, woraufhin die Wohnstuben der Bediensteten bald leer waren. Das Schicksal des Gutes Biržuvėnai hat eine andere Richtung genommen, nachdem König Augustus auf dem Gut einen Markt erlaubte. Man dachte, der Handel sei der beste Weg, die Wirtschaft und die Städte wiederaufzubauen und zu entwickeln. 1790 wurden Biržuvėnai die in den litauischen Metriken erfassten Privilegien gewährt. Neben wirtschaftlichen Privilegien wurde Biržuvėnai zum Zentrum des Landeskreises und des Bezirks. Diese Privilegien hatten aber nur symbolischen Wert und ermöglichten die Familie Gorski, den anderen Adeligen einige Jahrhunderte vorzustehen. 

Während des Ersten Weltkrieges beschlagnahmte die deutsche Armee Lebensmittel und Pferde. Deswegen versteckten die Einheimischen nicht nur die Pferde, sondern auch die Jugendlichen, damit die Deutschen sie nicht als Arbeitskräfte nach Deutschland holen konnten. In den Jahren des Zweiten Weltkrieges wurde das Gut von deutschen Offizieren eingenommen. Den Bauernhof pflegten zwei deutsche Offiziere. Am schlimmsten erging es dem Landgut in der Sowjetzeit, als auf seinem Territorium ein LPG-Zentrum eröffnet wurde. Im Herrenhaus wurden Landarbeiter angesiedelt, ein Kulturzentrum wurde eingerichtet.

Biržuvėnai ist das einzige erhaltene Holzgut Litauens aus dem 18.-19. Jh. Es verfügt über alle für solche Gutshöfe typischen Elemente. Es gibt Repräsentativ-, Wirtschafts-, Produktions- und Wohnbereiche. Das Gut spiegelt die Entwicklungsdynamik von mehr als 200 Jahren wieder. Hier verschmelzen die Epochen des Barocks und des Klassizismus zu einer Einheit. Das Äußere des Landgutes Biržuvėnai ist anspruchslos, einfach, entspricht dem architektonischen Volksstil. Die Fassade des Wohnhauses ist mit Holzbrettern verkleidet, trägt ein Tonziegeldach, hat weiße und große Fenster mit Fensterläden im samogitischen Stil. Im 900 Quadratmeter großen Haus sind die authentischen aus Paris stammenden Kamine mit Reliefkacheln, die Schornstein, Bodenfließen und der Dachboden erhalten. Im Erdgeschoss sind die Alltagsgegenstände der Herren von Biržuvėnai ausgestellt: verschiedene Fotografien, Gemälde, authentisches Zubehör. In einer kleinen, aber gemütlichen Bibliothek findet man Bücher verschiedener literarischer Genres. Am Weg, fast am Ufer des Teiches stehen das Offizingebäude und ein restauriertes Wagenhaus. Bis heute sind moderne Einfuhrscheunen aus dem vergangenen Jahrhundert erhalten. 

Die Waldumgebung verleiht dem Territorium des Landgutes Biržuvėnai Authentizität. Alte, aber immer noch mächtige und von der Geschichte deutende Bäume bewahren die Ruhe. Bunte Blumengärten, zwischen den Bäumen verlaufende Wege, Teiche, die wie Spiegel den Himmel reflektieren, geheime Ecken im Park wecken unsere Fantasie. Heutzutage erzählt man immer noch, dass dank des Trinkwassers aus der Wunderquelle des Parks Gesundheit und Jugend zurückkehren können. Und Wünsche werden von einer zweistämmigen Kiefer erfüllt. Im Park von Biržuvėnai findet man auf einem großen Stein auch den Fußabdruck einer Hexe.

Die Adelsfamilie Gorski ist in Niederlitauen seit langem bekannt. Die Gorskis stammten aus dem polnischen Masowien. Nach Litauen kamen sie im 16. Jh. Der erste war Stanislav Gorski, der sich in 1588 in Niederlitauen ansiedelte. Vertreter der Familie Gorski sind in Niederlitauen immer sehr einflussreich gewesen, hatten viel Vermögen und bekleideten wichtige staatliche Positionen. Die Söhne Rafal und Jan von Stanislav Gorski haben den Familienzweigen in Niederlitauen ihren Anfang. Michal Gorski, ein Vertreter der dritten Generation, erwarb 1667 von Vladislav Vaina und seiner Frau Felicja das Landgut Biržuvėnai. Die Familie Gorski verwaltete das Gut fast 300 Jahre bis 1940. 

Das heutige Gut sieht so aus, wie es Michal Gorski in der zweiten Hälfte des 18. Jh. gestaltet hat: ein aus Holz gebautes Herrenhaus, zwei Offizinen, Wirtschaftsbauten. Die Familie entwickelte die wirtschaftliche Tätigkeit. Hinter den Insthäusern wurde eine aus Holz gebaute Schmiede errichtet, wo auch der Schmied mit seiner Familie lebte. Der Schmiede spielte eine wichtige Rolle auf dem Landgut: Er produzierte und reparierte landwirtschaftliches Zubehör, beschlug die Pferde und stellte Dekorationen her. Es gab auf dem Gut auch ein Magazin – ein Getreidelager der Gemeinde, der auch aus Holz gebaut wurde, mit Fundamenten aus Stein und einem gotischen Dach, in dem es 14 Getreidespeicher gab. Um das Magazin kümmerte sich der Älteste. Er dokumentierte den Ablauf in einem speziellen Buch, das dem Gutsherren Gorski nur nach einer speziellen schriftlichen Genehmigung zugänglich war. Im Keller eines Backsteinbaus lagerten die Kartoffeln und das landwirtschaftliche Zubehör: Eggen, Pflüge usw. In der Radkammer wurden die Wagenräder aufbewahrt, im Eiskeller – Eis zum Abkühlen der Milch. Eine Badestube gab es auch. Es gab auch eine „Pakta“ – das Haus einer jüdischen Familie, in dem auch Gäste übernachteten, die ,,Pročkarnė“ – eine Wäscherei der Herrschaften und ein Insthaus, in dem die Arbeiter lebten. Auf Anweisung von Gorski wurde der Fluss Virvytė angestaut, eine Wassermühle und ein Sägewerk wurden gebaut. 1907 entstand der Park. 1909 gründete Gorski eine Kartonfabrik, die bis 1938 betrieben wurde.

Während des Zweiten Weltkrieges hat die Familie Gorski das Gut verlassen. Die wertvollsten Dinge nahm die Familie mit die anderen wurden an die Dorfbewohner verteilt, zerbrechliches Geschirr versteckte man unter dem Boden. Der Schatz kam erst 61 Jahre später ans Tageslicht, als die jüngste Tochter der Familie Gorski, Janina Nagourski, die Heimat besuchte und das Versteck zeigte. In der ausgegrabenen True wurden 290 Geschirrstücke aus Porzellan und zwei mit Silber verzierte Sektvasen gefunden. Der größte Teil des Geschirrs stammt aus der Sächsischen Manufaktur des 19. Jahrhunderts. Die Erbin übergab den Schatz an das Museum der niederlitauischen Diözese, wo er bis jetzt aufbewahrt wird. Man hat damals auch mehr als dreihundert Jahre alten Wein gefunden. 

Unterwegs nach Biržuvėnai, trifft man auf eine Gebetssäule von 1764. Es wird erzählt, dass an dieser Stelle ein Sohn von Gorski vom Pferd stürzte und sich schwer verletzte. Er ließ dort eine Gebetssäule errichten – als Zeichen seiner Dankbarkeit für das erhaltene Leben und als Symbol der zweiten Geburt.

Das Herrenhaus des Gutes Biržuvėnai wurde 2011 nach einem Brand wiederaufgebaut. Dabei wurden jedoch modernen Baustoffe eingesetzt. Das Innere des Hauses zieren antike Möbel. Man kann hier authentische Kamine mit Reliefkacheln aus dem18. Jh., den Schornstein und die erhaltenen Bodenfließen betrachten. Auf dem Dachboden des Hauses, wo sich hauptsächlich Wohnzimmer befanden, finden Bildungsveranstaltungen statt. Wohnzimmer, Küche, Geschirr-, Schlaf- und Arbeitszimmer sind für Besucher geöffnet.