Jeden Morgen erklingen aus dem Keller des Hauses in der Savičiaus Straße in Vilnius Klaviermusik. Diese Musik bringt die Passanten dazu, innezuhalten und das Haus von M.K. Čiurlionis zu betreten. In diesem Haus wohnt der Künstler schon seit mehr als hundert Jahren, und dieser Platz wird immer weiter geschaffen von allen, die das Gedenken an M. K. Čiurlionis bewahren.

Beschreibung

Mikalojus Konstantinas Čiurlionis wurde 1875 in dem kleinen litauischen Städtchen  Varena in der Familie eines Organisten geboren. Später zog die Familie in den Kurort Druskininkai um. Hier verbrachte Konstantinas seine Kindheit und einen Teil seiner schönsten und kreativsten Jahre. Hier lernte er, der Musik des Windes und der Vögel zu lauschen.

Seine ersten Musikstunden hat M. K. Čiurlionis zu Hause bekommen, als Jugendlicher (1889–1893) besuchte er die Orchesterschule von Fürst Mikołaj Ogiński in Plungė. Dort, umgeben von den Wäldern Niederlitauens, hat er seine ersten kleinen musikalischen Werke geschrieben. 

Der Fürst schätzte den begabten jungen Mann und hat bot ihm ein Stipendium für ein weiterführendes Studium. Dank der Unterstützung durch Mikołaj Ogiński studierte der zukünftige Komponist 1894-1899 an der Universität für Musik in Warschau.

1906 wohnte Čiurlionis in Druskininkai und harmonisierte litauische Volkslieder. In einem Brief an seinen Freund schrieb er: „Ich habe beschlossen, alle meine früheren und zukünftigen Werke Litauen zu widmen“. Damals ist er auf die Idee gekommen, eine litauische Oper zu verfassen. 

1907 beendete M. K. Čiurlionis seine symphonische Dichtung „Das Meer“ und begann mit seinem neuen Werk „Die Erschaffung der Welt“. Im Herbst ging er nach Vilnius, beteiligte sich dort an der Gründungsversammlung der Litauischen Kunstgesellschaft und wurde in deren Vorstand gewählt. Während der Generalprobe des Dramas „Blinda“ von Gabrielius Landsbergis-Žemkalnis lernte er die Schriftstellerin Sofija Kymantaitė kennen. 

„Musik ist ein Botschafter, der von Gott gesandt ist, um die feinsten Saiten unserer Seele zu bewegen, unsere von den Sorgen des Lebens ermüdeten Herzen zu beruhigen und all dieLügen, Laster, Eifersucht und den Hass aus ihnen zu vertreiben“, sagte Mikalojus Konstantinas.

Das musikalische Vermächtnis von M. K. Čiurlionis wird in zwei Schaffensperioden eingeteilt – die frühe (1896–1903) und die späte (1904–1910). Die frühe Schaffensperiode bezieht sich auf die Studienzeit in Warschau (1894-1899) und Leipzig (1901–1902). Das war die Zeit, als sich der Stil des Komponisten formte und er die Kompositionstechnik zu beherrschen lernte. Die Werke aus dieser Zeit zeigen deutlich die Begeisterung des Komponisten für Chopin. Das spürt man nicht nur in der Stilistik, sondern auch in den Genres – Walzer, Mazurkas, Polonaise. Ein großer Teil der Werke zeugt jedoch deutlich von der Neigung des Komponisten zum polyphonischen Denken, vom Streben nach der Entdeckung neuer Kompositionsformen und Ausdrucksmöglichkeiten der Musikinstrumente. 

In der späten Schaffensperiode, die auch als Reifezeit bezeichnet wird, wendet sich M. K. Čiurlionis entschlossen der modernen Musik zu. Er interessiert sich für kurze Klangketten, auf deren Grundlage das gesamte Werk entsteht. Die Eigenständigkeit einzelner Klänge verwischt die Grenzen zwischen homophoner und polyphoner Musik. Die Exponierung des Basses oder der Oberstimme erzeugt den Eindruck visueller Stabilität, die mit seinen Gemälden korreliert. Die von Čiurlionis gebrauchten graphische Konturen der Melodien, die Planung der Instrumentenpartien und der Fakturen widerspiegeln die Suche des Künstlers nach den neuen Wegen zur Synthese der Künste.

Während M. K. Čiurlionis in Vilnius wohnte, hat er eine Reihe von Volksliedern harmonisiert und für Kinderchöre adaptiert. Man muss sich nun vorstellen, wie in den Kleinstädten die Jugendlichen, die kaum Litauisch sprachen, dank den litauischen Volksliedern die litauische Identität und das damit zusammenhängende emotionale Bewußtsein miterlebt haben. Diese Tätigkeit von M. K. Čiurlionis war sehr großzügig und hat dazu geführt, dass er im Bewusstsein der Litauer als Person wahrgenommen wurde, die Volkslieder für Chöre adaptiert. Vermutlich hat es deshalb lange gedauert, bis er als Autor majestätischer Symphoniewerke und komplizierter Klavierwerke wahrgenommen wurde.

Wenn wir von M. K. Čiurlionis und seinen Werken reden, ist die Leipziger Zeit (1901-1902) als seine schöpferische Wendezeit bekannt. Bis zur Leipziger Zeit ist die Musik von M. K. Čiurlionis eine Form der Kommunikations: Er schreibt viele Tanzmusikstücke und ähnliche Werke, die die Menschen zusammenbringen. Nach der Leipziger Zeit bekommen seine Werke den Charakter einer Vertiefung in die Seele, seine Musikstücke werden kontemplativer und erfordern eingehende Beschäftigung.

Ein jeder Litauer erkennt die Gemälde von M. K. Čiurlionis. Dennoch kommt eine Frage auf: Woher stammt das majestätische und königliche Motiv des „Königmärchens“, das alle Werke von M. K. Čiurlionis begleitet? Vielleicht verbirgt sich die Antwort im Blick vom Schloss von Versailles auf den Park, wobei der Betrachter anscheinend dasselbe Gefühl majestätischer Ruhe erlebt, das uns von M. K. Čiurlionis Werk „Die Ruhe“ so vertraut ist… ein königliches „genius loci“ des Schlossparks von Versailles.

Der Nachlass umfasst 400 Werken, die meisten davon für Klavier. Von großer Wichtigkeit sind aber auch die Werke für Symphonieorchester, wie die symphonischen Dichtungen „Im Walde“, „Das Meer“, die Ouvertüre, die Kantate für Chor und Orchester, Musikwerke für die Chöre – Originalkompositionen, harmonisierte litauische Volkslieder und Orgelstücke. 

Von seinen symphonischen Werken sind nur zwei symphonische Dichtungen bekannt – „Im Walde“ und „Das Meer“, eine symphonische Ouvertüre, die 1. Symphonie (unvollendet), die Kantate „De Profundis“ für Orchester und gemischten Chor. 

M.K. Čiurlionis hat auch Werke für verschiedene Musikinstrumente geschaffen: für Streicherensemble, Geige und Klavier und für Orgel. Das umfangreichste Erbe seiner Instrumentalmusik besteht aus etwa 200 Klavierstücken, vornehmlich Präludien, Kanons und Fugen. Es gibt auch mehrere Dutzende arrangierte Volkslieder.  

Die Vokalmusik nimmt auch einen wichtigen Platz im kreativen Nachlass des Komponisten ein. Die zahlreichsten und bedeutendsten sind die harmonisierten Volkslieder für verschiedene Chöre (gemischt, Frauen, Männer). 

1900-1901 hat Čiurlionis die symphonische Dichtung „Im Walde” verfasst, in welcher die Nostalgie der Heimat und die Melodien der romantischen Musik (Richard Strauß, Hector Berlioz) zusammenfließen. Während der Studienjahre in Leipzig kam es zur Wendet in der Weltanschauung von Čiurlionis als Komponist: Nachdem er die damals populäre atonale Musik kennengelernt hatte, ging er in Richtung modernen Ausdrucksformen der Musik.

Für diejenigen, die Čiurlionis besser kennenlernen möchten, gibt es die Möglichkeit, in dem authentischen Gebäude eine Führung oder einen Abend zu buchen. Hier trifft man auch Kunstexperten, die in verschiedenen Fremdsprachen die Geheimnisse der Kreativität von Čiurlionis enthüllen können. Es lohnt sich, die Führung „Vilnius von Čiurlionis“ auszuprobieren, um den kreativen Weg des Künstlers mitzuerleben, oder über eine mobile App die eine einzigartige Möglichkeit zu nutzen, Vilnius auf den Spuren von Čiurlionis kennenzulernen.